Wie du Stress zu deinem Verbündeten machst und in Entwicklungsmöglichkeiten verwandelst
- Moana Neumann
- 17. März
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 16. Apr.
Wichtig:
In diesem Artikel geht es um alltägliche und eher milde Stress-Situationen. Bei starkem chronischem Stress und akuten psychischen Erkrankungen braucht es mehr als eine Umdeutung des Stresses. Chronischer Stress soll durch diesen Artikel nicht verharmlost oder schön geredet werden. Gleichzeitig sollten die Potenziale, die im individuellen Handlungsspielraum von Selbstreflexion, Lebensstiländerungen, einer gesunden Lebensführung und der Teilnahme an Stressreduktionsprogrammen liegen, nicht unterschätzt werden. Diesem Anspruch folgen die Artikel auf meinem Blog: Es sollen hier lediglich Angebote und Möglichkeiten vorgestellt werden: Jede Person entscheidet dann selbst, was sie ausprobieren möchte und was für sie gut funktioniert.
Du willst endlich weniger Stress haben und dich besser um dich selbst kümmern, weißt aber nicht so richtig, wo du ansetzen kannst? Du möchtest dich weiterentwickeln ohne dich dadurch zusätzlich zu belasten?
Warum wir unseren Stress kennen, aber trotzdem oft schlecht damit umgehen
„Ich habe so viel zu tun“ ist ein Satz, der uns in unserem Alltag häufig begegnet. Und Stress gehört für die meisten längst ganz selbstverständlich zum Alltag dazu. Oft hält er sich versteckt im Hintergrund, aber spätestens in größeren Belastungssituationen merken wir schnell, dass wir doch gehetzter und gestresster sind, als wir uns eingestehen möchten.
Wir kennen also alle aus eigener Erfahrung, wie belastend Stress für uns sein kann. Trotzdem haben viele Menschen wenig Wissen über ein gesundes Stressmanagement oder es fällt ihnen schwer es umzusetzen. Wir wissen oft insgeheim, was uns gut tun würde und was wir tun sollten.
Ungesunde Wege zu wählen, mit unserem Stress umzugehen, ist jedoch verlockend, da sie uns anfangs leichter fallen. Also versuchen wir, unseren Stress zu vermeiden, uns nur am Rande mit ihm auseinanderzusetzen oder ganz zu ignorieren. Doch genau das macht es noch schwieriger, ein gesundes Verhältnis zum Stress aufzubauen und ihn vielleicht ja sogar für uns zu nutzen.
Warum du Stress zu deinem Verbündeten machen solltest
Stress hat ein schlechtes Image und das nicht ohne Grund, denn starker und chronischer Stress begünstigt die Entstehung von vielen verschiedenen Krankheiten.
Stress sollte aber gleichzeitig differenziert betrachtet werden: Jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf Stress und geht auch unterschiedlich mit ihm um. In der Folge kann Stress nicht nur schädliche, sondern auch positive Wirkungen entfalten.
Wichtig ist hier folgendes Verständnis: Stress, der sich hin und wieder in Belastungssituationen zeigt, ist nicht dein Gegner. Er ist zunächst nichts weiter als eine wichtige, biologische Reaktion deines Körpers. Wenn wir Stress im Körper wahrnehmen, bewerten wir dies schnell negativ. Das schnellere Herzklopfen wird für uns zum Warnsignal, die schwitzigen Hände zum Zeichen von Kontrollverlust, das Rotwerden, wenn wir einen Vortrag halten, zu einem Schamgefühl. Wir akzeptieren Stress nicht als das, was es ist, sondern geraten schnell in einen inneren Kampf gegen die Dinge, die Stress in uns auslösen: Gegen Termine, bestimmte Erwartungen und letztlich gegen uns selbst. Wir sehen unseren Alltag verbissener, verfallen schnell dem Tunnelblick und verlieren schrittweise unsere Leichtigkeit.
Dabei sind Stressreaktionen eigentlich in unserem besten Interesse, denn die Existenz von Stressreaktionen war für die Menschheit ein ganz entscheidender Überlebensvorteil.
Du kennst es sicher auch? In akuten Stress-Situationen können wir manchmal ungeahnte Kräfte freisetzen und so viel mehr leisten oder aushalten, als wir für möglich gehalten haben.
Stress ist also eine ganz natürliche, wichtige, evolutionär bedingte Reaktion auf Bedrohungen oder außergewöhnliche Anforderungen.
Wenn wir einen Reiz als mögliche Bedrohung wahrnehmen, werden automatische Reaktionsmuster aktiviert: Stressreaktionen. Diese versorgen uns mit Energie, damit wir auf einen Kampf oder eine Flucht vorbereitet sind. In unserem modernen Alltag sind Kampf oder Flucht in der Regel keine geeigneten Reaktionen, um den Herausforderungen zu begegnen. Wir können uns diese bereitgestellte Energie trotzdem zu Nutzen machen. Wichtig ist dabei jedoch immer, hinterher einen Ausgleich zu schaffen, damit du dich von der Anspannungs-Situation erholen kannst.
Heute ist Stress meistens nicht so existenziell wie früher, er fühlt sich aber schnell so an, gerade wenn er chronisch wird. Es ist verständlich, dass wir dieses Gefühl intuitiv erstmal so schnell wie möglich loswerden möchten.
Versuch dir gerade deshalb, wenn du das nächste Mal gestresst bist, in Erinnerung zu rufen, dass der schnellere Herzschlag, das Rotwerden oder die schwitzigen Hände lediglich Signale deines Körpers sind, dass dieser sich gerade für eine höhere Belastung bereit macht und dir durch die Stressreaktion Ressourcen bereitstellt.
Gestresst sind wir in der Regel nicht, weil uns etwas egal ist, sondern weil uns etwas am Herzen liegt. Stress entsteht also dann, wenn etwas von Bedeutung ist. Die Frage sollte also nicht sein: "Wie werde ich Stress los?" Sondern: "Wie gehe ich besser mit Stress um, damit ich dem, was mir wichtig ist, gerecht werde?" und "Wie kann ich Stress für mich und meine Ziele nutzen?"
Wenn wir uns diese Fragen öfter stellen, kann Stress zu einer wichtigen Ressource werden. Entscheidend ist dabei, wie du ihn bewertest. Genau hier setzt das Reframing an, eine Methode, die ich in der systemischen Beratung kennenlernen durfte. Beim Reframing wird etwas, das kann z.B. eine Verhaltensweise oder Situation sein, mit neuen Augen betrachtet. So können neue Interpretationen und Bedeutungsrahmen geschaffen werden.
Dieses umfasst also eine Umdeutung, einen Perspektivwechsel, welche dir helfen, anders auf Stress zu blicken und ihn für dich zu nutzen.
Wie milder Stress für uns arbeitet
Stress zeigt dir, was dir wichtig ist
Versetz dich einmal in deine letzten Stress-Situationen: Welche waren das? Wärst du in diesen Situationen weniger gestresst gewesen, wenn dir die Sache egal gewesen wäre? Ganz bestimmt, denn was uns stresst, bedeutet uns etwas.
Termine, die uns wichtig sind, eine Verantwortung, die wir eingegangen sind oder Lampenfieber vor einer wichtigen Prüfung sind Hinweise darauf, dass uns etwas wirklich am Herzen liegt oder wir aus anderen Gründen für wichtig halten. Auch, wenn sich Stress oft erstmal unangenehm anfühlt, sollten wir dankbar dafür sein, dass wir etwas in unserem Leben haben, dass von großer Bedeutung für uns ist und für das wir bereit sind, uns anzustrengen und unser Bestes zu geben.
Stress aktiviert deine Ressourcen
Kennst du dieses Gefühl, manchmal vor lauter Stress unter Strom zu stehen und nicht schlafen zu können? Dies zeigt uns besonders deutlich, wie aktivierend Stress wirken kann und kann positive und ebenso negative Wirkungen entfalten.
Zu einem großen Problem für uns wird die aktivierende Wirkung von Stress dann, wenn er chronisch wird und der Körper und Geist es nicht mehr schaffen, in die Entspannung zu finden. Wir fühlen uns dann unserem Stress ausgesetzt und können ihn nicht mehr richtig kontrollieren.
Unsere Stressreaktionen laufen dann in einem gesunden Maß ab, wenn der Körper den Stress gut regulieren kann. Auf eine schnelle Aktivierung durch Stress folgt dann ebenso eine schnelle und ausreichende Erholungsphase.
Was passiert dabei? Dein Körper stellt Energie bereit für mehr Fokus, schnellere Reaktionen, und eine höhere Leistungsfähigkeit. Diese Aktivierung kannst du für einen begrenzten Zeitraum bewusst für dich nutzen, danach gilt es zeitnah einen Raum für Erholung zu schaffen.
Stress ermöglicht Wachstum
Wenn wir Stress erleben, befinden wir uns meistens nicht in unsere Komfortzone. Diese zu verlassen ist wichtig, denn Entwicklung und Wachstum finden selten in unserem Wohlfühlbereich statt.
Wenn wir uns immer wieder unseren Herausforderungen stellen, erweitern wir unsere Fähigkeiten nach und nach, gewinnen Selbstvertrauen dazu und zeigen uns und anderen: „Ich kann das schaffen.“ So lernen wir immer mehr dazu und trauen uns auch schrittweise mehr zu. Dies ist eine wichtige Grundlage für die Entstehung von mehr Resilienz.
Stress kann soziale Bindungen stärken
Wir kennen es alle bestimmt aus eigener Erfahrung, dass Stress isolierend wirken kann. Allein schon deshalb, weil wir, wenn wir viel um die Ohren haben, wenig Zeit und Ruhe für Verabredungen haben und dann oft abends nur noch auf die Couch fallen wollen.
Interessanterweise kann Stress aber auch das Bedürfnis nach Bindung verstärken. Wenn es schwierig oder anstrengend wird, greifen wir gerne vermehrt auf unser soziales Netz zurück, das uns ein Gefühl von Sicherheit vermittelt.
Wenn wir merken, dass die Anforderungen steigen, suchen wir uns auch eher Unterstützung, arbeiten besser zusammen und tauschen uns aus, indem wir Probleme zum Beispiel besprechen und gemeinsam nach geeigneten Lösungen suchen.
Eine wichtige Voraussetzung dafür ist es natürlich, gesunde, wohltuende und vertrauensvolle Freundschaften und Beziehungen langfristig zu pflegen. So können wir, wenn wir bereit sind, Hilfe anzunehmen, in akuten Stress-Phasen von unserem tragfähigen, sozialen Netzwerk profitieren.
Wie du eine positivere Sichtweise auf Stressreaktionen trainieren kannst
Wenn du das nächste Mal Stress spürst, probiere doch mal einen Perspektivwechsel aus:
Beobachte und benenne, was gerade passiert ganz neutral: „Mein Herz schlägt schneller.“
Atme einmal tief durch und versuche Abstand von deiner gewohnten Interpretation zu nehmen. Deute es so um, dass es sich für dich stimmig anfühlt : „Mein Körper gibt mir Energie.“, "Mir ist hier etwas wichtig." etc.
Richte dich mithilfe dieser neuen Interpretation anders aus: „Diese Energie hilft mir jetzt, die herausfordernde Situation zu bewältigen.“
Fazit
Stress ist unvermeidbar und gehört für uns alle zum Leben dazu. Einen gesunden Umgang mit ihm zu finden, ist also eine wichtige Lebensaufgabe, die uns verständlicherweise mal leichter und mal schwerer fällt.
Entscheidend ist: Stress muss und sollte nicht gegen uns arbeiten. Wenn du lernst, ihn anders bzw. positiver zu bewerten, kann er sich langsam vom Belastungsfaktor zu einer echten Ressource verwandeln.
Er zeigt dir, was dir wichtig ist, stellt dir Energie zur Verfügung, unterstützt dein Wachstum und kann Beziehungen stärken.
Der entscheidende Unterschied liegt in deiner Haltung: Kämpfst du gegen deinen Stress, oder nutzt du ihn bewusst für dich? Erinnere dich bei deinen nächsten Stressmomenten ganz bewusst daran, innezuhalten und diese nicht ausschließlich als Problem, sondern vielleicht auch als Chance zu sehen. Dieser Perspektivwechsel ist ein guter Anfang, um den eigenen Stress mehr als Verbündeten zu sehen.
Quellen:
Ghasemi, F., Beversdorf, D. Q., & Herman, K. C. (2024). Stress and stress responses: A narrative literature review from physiological mechanisms to intervention approaches. Journal of Pacific Rim Psychology, 18.
Yaribeygi H, Panahi Y, Sahraei H, Johnston TP, Sahebkar A. (2021). The impact of stress on body function: A review. EXCLI J.;16:1057-1072. doi: 10.17179/excli2017-480. PMID: 28900385; PMCID: PMC5579396.



